Auch wenn ich mir gerne pessimistische Blogs über Deutschland ansehe, die Beiträge meistens mit einem Schmunzeln lese und auch selbst betroffen bin, von der lahmen Bürokratie, das schwer funktionierende Gesundheitssystem und vieles mehr – oft bin ich überzeugt, daß es noch nicht soooo schlimm ist. Aber eines, das verbittet sich schon seit mehreren Jahren bei mir – Deutschland als irgendeinen Standard anzusehen.
Wenn ich mir anderen Länder ansehe, die Presselandschaft verfolge (was immer weniger wird, da doch viele Meldungen mittlerweile mehr oder weniger nur Stimmung erzeugen sollen) so merke ich immer mehr, daß wir Deutsche mehr und mehr zu einer Forderungsgesellschaft werden. Wir möchten jedem Vorschreiben wie und was er zu tun hat, möchten auf fremden Platformen unseren Willen durchsetzen. Ich vergleiche das immer gerne mit einem Hausgastvergleich:
Wenn ich Gast bin in einem Haus, dann darf ich natürlich jederzeit nach bestehenden Dingen fragen (Essen, Toilette etc.), gerne auch mal etwas anfragen. Aber sobald ein Gast anfängt zu fordern (ich will statt Wasser Limonade, ich will statt Brot einen Braten…), dann hört es mit der Gastfreundschaft auf. Mittlerweile sind wir auf dem Niveau solche Forderungen an andere zu stellen, oft im Einklang mit dem Datenschutz und der Sicherheit etc. Es ist eine gute Sache und wir sollten uns im klaren sein, daß der Datenschutz eine wichtige angelegenheit ist. Man sollte aber auch einen Blick darauf werfen, woher 99% unserer Online-Dienste bspw. herkommen und aus welchem Kulturansatz. Wie wird dort der Datenschutz gesehen? Wie wird dort alles gehandhabt?
Stellt man nun beide Sichtweisen nebeneinander, dann klafft – historisch bedingt – eine große Lücke. Nun kann ich als Gast natürlich bitten, meinen Wünschen zu entsprechen. Wird dies nicht getan, so bleibt mir als Gast eigentlich nur der Weg in ein anderes Haus, welches evt. meinen Wünschen entspricht oder ich baue mein eigenes Haus mit meinen Regeln und Wünschen.
Nun regelt der Markt oft manche Angelegenheit. Bin ich bereit, Geld zu zahlen für Dienste die meinen Extrawünschen entsprechen? In Deutschland sind wir, denke ich, sehr pragmatisch – wir zahlen wenig für Onlinedienste wenn sie uns keinen wirklichen Nutzen bringen. Ergo, nehmen wir kostenlose Dienste (die wir mit unserem Verhalten und unseren Daten zahlen) in Kauf und agieren dort.
Seit letztem Jahr hat Elon Musk Twitter übernommen. Die Platform steht für schnellen Informationsfuß, Tratsch und teilweise kuriosen Informationen und Einträgen. Das Beben in den Staaten war groß, denn Twitter hat dort durchaus gesellschaftlichen Einfluss. Twitter betrieb in Zusammenarbeit mit Agenturen und regulatorischen Bebhörden eine mehr oder wenigen offenen Informationsraum. Wie bei jeder Zensur, entscheidet aber immer noch ein Mensch über bestimmte Regelungen und da spielen durchaus empfindlichkeiten und Anweisungen eine Rolle. Die Twitter Files ( https://www.npr.org/2022/12/14/1142666067/elon-musk-is-using-the-twitter-files-to-discredit-foes-and-push-conspiracy-theor ) legten hier die Beweise dar. Nach der Übernahme versprach Musk, die Platform wieder zu dem zu machen, als was sie angedacht war – als Stimme des Volkes ( https://www.wired.com/story/twitter-digital-governance-elon-musk-polls/ ). Auch wenn viel Schein dahinter steckt, so hat man recht schnell bemerkt, daß der Ton rauer geworden ist, viel mehr Informationsfluss über kontroverse Themen herrscht und auch die Beschimpfungen zugenommen haben – zumindest nimmt man das in Deutschland so wahr. Denn in den Staaten dürfte sich, bis auf einen Ruck in die konservative Ecke, weniger getan haben. Der Ton war dort schon immer rau (als Abbild der Gesellschaft) und auch die behandelten Themen waren mehr als kontrovers. Hierfür gibt es nun die Community Notes, welche zu kontroversen Themen Stellung nehmen kann und Informationen bestätigen kann oder eben als falsch markieren kann.
Auf heise ist nun ein Artikel erschienen ( https://www.heise.de/hintergrund/X-Twitter-unter-Elon-Musk-Rueckblick-auf-ein-chaotisches-Jahr-9339617.html ) der nun das eine Jahr unter die Lupe nimmt und alternativen aufzählt. Mit etwas Medienkompetenz wird man schnell raushören, wer heute noch Twitter nutzt gehört doch eher zu den konservativem Klientel und sollte lieber auf Alternativen ausweichen. Hier stößt es mir auf, die deutsche Überheblichkeit, welche wieder einmal indirekt Forderungen stellt – die verlorene Zensur, die „Safe-Spaces“ – all das fehlt. Wir weisen auf alternativen hin, welche aber geringe Nutzerzahlen haben, nicht richtig funktionieren oder eben nicht den Raum abbilden den wir möchten. Und wir wollen nicht sehen, daß am Ende die meisten Leute am Ende doch bei X bleiben werden. Denn dort passiert eben das relevante. Wenn ein deutscher Minister nun sein Unwesen auf Mastodon treibt, die EU versucht eine eigene Instanz zu betreiben – nun ehrlich – wen interessiert es in der Welt? Wird ein Japaner, ein Amerikaner, ein Afrikaner sich auf EU eigenen Instanzen rumtreiben? Wird ein Präsident der vereinigten Staaten, ein Scheich der Emirate auf einer Mastodon Instanz seine Gedanken kundtun, ohne Reichweite? Die Antwort kann sich jeder selbst ausmalen.
Wir wollen etwas bequemes, was uns nicht sauer aufstößt – dann sollten wir das eigene Haus aufbauen uns aber nicht wundern, wenn wir nichts mehr mitbekommen und alles kontroverse liegenbleibt. Oder wollen wir der durchaus dreckigen Realität ins Auge sehen? Das wir zwar einen hohen, menschlichen Standard hier in Deutschland und der EU pflegen, dieser aber wirklicherweise, fast einzigartig ist und eben die Welt und viele Leute eben diese kontroversen Gedanken und Ängste haben? Und wenn wir uns dieser Aufgabe stellen, sollten wir das ohne Wertung tun.
