Monat: Juni 2023

Hobonochi Techo und Leuchtturm1917

Anfang des Jahres hatte ich meinen ganz persönlichen Japan-Moment und wollte meine analoge Welt in die japanische Notiz- und Kalenderkultur eintauchen lassen. Nach rund 6 Monaten Nutzung möchte ich nun mein Fazit dazu abgeben.

Das Prinzip des Hobonichi Techo

Das Hobonichi Techo folgt einem klaren Prinzip, das ich im Modell Cousin kennengelernt habe. Es bietet eine Unterteilung in eine Tageszeitleiste und eine eigene Seite für jeden Tag.

Die Trennung von Terminen und Tagebuch ist ein interessanter Ansatz für Vielschreiber. Termine werden in der Zeitleiste erfasst, während Eindrücke und Notizen auf den entsprechenden Tagesseiten Platz finden. Soweit, so gut. Jedoch stieß ich auf eine Schwierigkeit, die auch für Tagebuchschreiber relevant ist: Wenn ich meinen Terminkalender mitnehme, möchte ich mein „privates“ Buch zuhause lassen. Doch was passiert, wenn ich es verliere oder es liegenlasse? Die Vorstellung, dass jemand anderes darin herumstöbert, erschreckt mich sehr.

Ein weiteres Problem, das ich feststellte, war die Größe der Zeitleiste in der A5-Variante. Sie scheint eher für Menschen geeignet zu sein, die klein schreiben. Ich musste mir einen 0,3mm-Stift besorgen, um überhaupt etwas eintragen zu können. Mit normalen 0,5mm-Stiften wurde das Schreiben wirklich unansehnlich. Außerdem reagiert das Papier recht empfindlich auf Tinte.

Eine letzte Kleinigkeit, die man dem Hersteller nicht vorwerfen kann, ist die Anpassung an den deutschen Markt. Die Mondphasen, Feiertage und Tagesphrasen sind auf Japanisch und nicht auf den deutschen Markt abgestimmt. Das hinterlässt bei mir am Ende doch ein gewisses „fremdes“ Gefühl, aber das ist kein Fehler des Herstellers. Der deutsche Markt dürfte eher ein Nischenmarkt für das Hobonichi Techo sein.

Das Prinzip des Leuchtturm1917 Wochenkalenders

Ich nutze den Leuchtturm1917 Wochenkalender bereits seit mehreren Jahren. Das Prinzip ist recht einfach: eine Wochenübersicht ohne Zeitleiste (also freies Eintragen) und eine ganze Seite für Notizen und Listen pro Woche. Diese Aufteilung gefällt mir wesentlich besser, was jedoch auch am Gesamtsystem liegt. Dazu später mehr.

Das Papier im Leuchtturm1917 verträgt sowohl Tinte als auch Gelstifte, ohne zu verschmieren. Zudem macht das Papier für mich einen hochwertigeren Eindruck, was die Archivierung angeht.

Fazit

Das Testen des Hobonichi-Systems war eine gute Erfahrung. Wer das „Lifebook“-System lebt, ist hier sicherlich gut aufgehoben. Ich persönlich ziehe jedoch die Trennung von Terminen (mobil) und Tagebuch (lokal) vor, auch weil ich parallel das 5-Jahres-Buch von Leuchtturm verwende. Diese Kombination funktioniert für mich am besten.

Reddit Blackout und die Folgen

Nun ging es rum – das Schreckgespenst der Monetarisierung. Reddit stellt nun API Kosten im Juli auf und die Community startet mit einem Blackout (siehe https://www.heise.de/news/Protest-gegen-API-Preise-Grosser-Blackout-zwingt-Reddit-ueber-Stunden-in-die-Knie-9185504.html und https://www.windowscentral.com/software-apps/windows-11/reddit-blackout-protest-explained-why-are-subreddits-going-private).

Verkürzt gesagt, sind viele Moderatoren und Benutzer sauer, daß Drittanbieter Clients nicht mehr kostenfrei auf den Inhalt zugreifen und sie somit auch sowas wie „Werbefreiheit“ bekommen. Im Umkehrschluss könnte man sagen – die App Entwickler haben kleine Einnahmen, während Reddit die Last dazu trägt.Auch Twitter schlägt in eine ähnliche Kerbe und erhebt nun Kosten für den API Zugriff (https://www.wired.com/story/twitter-data-api-prices-out-nearly-everyone/).

Aber weiter zuvor, als Twitter von Musk übernommen wurde, gab es eine Protestbewegung zu dezentralisierten Alternativen wie Mastodon und, für Reddit, Lemmy. Kurzgesagt handelt es sich hier um Varianten der Webservices, welche aber von jedermann gehostet werden kann und auch zusammengeschlossen werden kann. Im Falle von Mastodon bspw. können tausende Microblog Services laufen und trotzdem gibt es eine große Timeline die alle anzeigt. Ähnlich verhält es sich bei Lemmy, welche nun als Reddit Alternative an den Start geht und hier auch unzählige einzelne Instanzen zusammenfasst.Was bei Mastodon noch etwas unter dem Radar lief, breitet sich bei Lemmy etwas öffentlicher aus – Moderatoren und Administratoren einzelner Instanzen fangen an zu blocken – ganze Instanzen, unliebsame Toots und Einträge. Jeder drängt auf eine gewisse Hausordnung und Haltung und es breitet sich ein kleine Retro Welle aus.Retro Welle? Ja, denn wir hatten die Situation schonmal. Einzelne BBS und Forenanbieter, gerade spezifisch im Nischen Bereich oder groß im Mainstream Themen Bereich – all das ging über die Jahre, im amerikanischen Raum in Reddit auf.

Und nun? Nun kommen sie wieder, der Name ist etwas anders aber am Ende sind es einzeln gehostete Instanzen einer Foren- oder Blogsoftware die mehr oder minder zugeschnitten ist. Zwar gibt es eine Schnittstelle alle Einträge auf allen Instanzen anzuzeigen, doch unterliegt es immer den Interessen der einzelnen Betreiber, wie ein jüngster Streit gerade zeigt (https://beehaw.org/post/567170). Es wird sich zeigen in welche Richtung die Entwicklung gehen wird. Mehr oder weniger wird es eine Aufsplittung von zentralen und dezentralen Instanzen geben. Die 90/00er lassen grüßen.

Apple Vision Pro

Gestern war die WWDC 2023 und was Apple da als „One more Thing“ vorgestellt hat, ist – und das sage ich als kritischer Apple beobachter – ein großer Schritt in die virtuelle Realität.
Vorab das Vorstellungsvideo:

https://www.youtube.com/watch?v=TX9qSaGXFyg

Nun, ich möchte mich auf die positiven Aspekte konzentrieren. Zum einen die Verschmelzung von digitaler und echter Welt. Es wird möglich werden mit Systemen zu interagieren ohne uns groß an sie anzupassen (Tastatur / Maus / etc). Wir können das System mit Augen, Stimme und Händen steuern und somit eine natürliche Schnittstelle nutzen. Für Bildschirmarbeiten perfekt und auch das, mittlerweile etabierte, Home-Office bekommt hier eine neue Dimension. Die Vision Pro wird, ähnlich wie das iPhone, wegweisend werden. Was Microsoft, Quest und Sony nicht geschafft haben, wird im Consumer Bereich Apple (mal wieder) vorantreiben. Natürlich muss man nun Werbung und Realität abwarten. Wird aber nur ein Bruchteil davon funktionieren, werden wir einen weiteren Schritt in die digitale Realität gehen.

Neben der Begeisterung auch einige Gedanken wie es uns negativ verändern könnte. Während die Corona Isolation schon einen Grundstein legte, wie wir sozial agieren, spaltet die Brille uns mehr ab. Abspaltung im Sinne von Isolation. Ist schon das Smartphone und Tablet ein Garant dafür, sich kaum noch aus dem Haus zu bewegen, so wird die Verschmelzung es voran treiben. Warum noch Kino? Warum noch Büro? Warum noch rausgehen, wenn Fotos mittlerweile so gut sind und uns in Melanchonie treiben lassen. Soziale Median wie Instagram, TikTok etc. werden nun „lebendig“ und laden ein nur noch auf der Couch zu verweilen. Und für die Bewegung weist uns dann eine weitere App hin. Ein Vorteil wird zum Nachteil – während wir uns nicht mehr auf die Technik einlassen müssen, steuert uns die Technik im Nachhinein. Der Block mit den Kinderfotos spricht auch Bände – möchte ich meine Familie nur noch mit Brille wahrnehmen (was ja heute schon ein Problem mit Smartphones ist)? Ich sehe meine Kinder nur noch als „Aufnahmeobjekt“ und lebe in Melanchonie wenn ich mir die Aufnahmen dann später ansehe.

Es bleibt spannend in welche Richtung das ganze driften wird.